Aktionskonferenz Care Revolution in Freiburg

Gesellschaft und Politik Gesundheit und Pflege

Erstveröffentlichung in den Kobinet-Nachrichten am 10.05.2017. Überarbeitete Fassung 2019.

FREIBURG (Esther Schmidt) Jeder Mensch benötigt von Geburt an die Befriedung der Sorge seines Daseins, um überhaupt leben und um gut leben zu können. Doch menschliche Abhängigkeit gilt als meidbar und über situativer Unselbstständigkeit und Pflegebedürftigkeit liegt häufig schamvolles Schweigen. Mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Bedingungen so zu gestalten, dass alle Menschen ihre Sorgebedürfnisse und Sehnsüchte verwirklichen können, wurde das Konzept Care Revolution entworfen. Die Inklusionsbotschafterin Esther Schmidt sprach mit Lina Wiemer, Gleichstellungsreferentin der Freiburger Universität und Fraktionsassistentin der Unabhängigen Frauen Freiburg, über die Aktionskonferenz Care Revolution, die in Freiburg am 20. Mai stattfindet.

Esther Schmidt: Frau Wiemer, am 1. Mai mobilisierten Sie mit für den Tag der unsichtbaren Arbeit. Worum geht es und wie gestaltete sich die Kampagne?

Lina Wiemer: Unsichtbare Arbeit sichtbar machen ist ganz entscheidend. Wir müssen uns alle darüber im Klaren sein, dass unsere Gesellschaft nur funktioniert, weil viele Menschen unsichtbare Arbeit leisten. Zudem wird diese unsichtbare Arbeit, wenn überhaupt, sehr schlecht entlohnt. Nur wenn wir es schaffen, diese Leistungen sichtbar zu machen, können wir Verbesserungen und damit auch Wertschätzung erreichen. Es geht also um die großen Themen wie Lohn- und Geschlechtergerechtigkeit, die wir mit einer Care Revolution erreichen wollen.

Esther Schmidt: Von wem wird das Netzwerk Care Revolution getragen?

Lina Wiemer: Das Netzwerk ist bundesweit aktiv und besteht aus zahlreichen regionalen Gruppen. In Freiburg ist Care Revolution schon länger aktiv. Unsere Gruppe besteht aus Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen: einige befassen sich wissenschaftlich mit dem Thema Sorgearbeit, andere arbeiten in Krankenhäusern oder sind in der Altenpflege tätig. Andere wiederum sind privat an diesem Thema interessiert. Uns alle eint das Wissen, dass Sorgearbeit alle Menschen betrifft, ganz egal ob ich in einem Sorgeberuf arbeite oder Sorgearbeit in Anspruch nehme.

Zuerst haben wir uns getroffen, um Informationen zusammenzutragen und uns auszutauschen. Um aber wirklich etwas zu bewegen und Verbesserungen im Bereich der Sorgearbeit umzusetzen, war uns klar, dass wir mit unseren Ideen nach Außen treten müssen. So entstand die Idee der Aktionskonferenz am 20. Mai.

Esther Schmidt: Aus Aktion Sorgenkind wurde Aktion Mensch, aus dem Fürsorgegesetz wurde ein Bundesteilhabegesetz. Merken wir nun, wie sehr wir die gesellschaftspolitische Wiederentdeckung der Sorgebedürfnisse brauchen?

Lina Wiemer: Viele Menschen, die im Sorgebereich engagiert sind, haben lange dafür gekämpft, dass Sorgebedürfnisse mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken. Dass es so lange gedauert hat bis zum Beispiel aus dem Fürsorgegesetz ein Bundesteilhabegesetz wurde, zeigt schon, dass es schwer ist im Sorgebereich auch nur kleine Verbesserungen zu erzielen. Umso wichtiger ist, dass viele Akteur*innen weiter für Verbesserungen eintreten.

Esther Schmidt: „Der Mensch ist sterblich von Anfang an und geburtlich bis in den Tod.“ Das Zitat des Schweitzer Philosophen weist auf eine lange Zeit Tabu-belegte Selbstverständlichkeit hin. Welcher Denkansatz steckt dahinter?

Lina Wiemer: Sorge ist ja ein ganzheitliches Prinzip; das ist vermutlich das, was Hans Saner zum Ausdruck bringen wollte. Ohne Sorgearbeit geht es nicht. Und da wir alle auf unterschiedliche Weise auf Sorgearbeit angewiesen sind oder sein werden, muss sie auch entsprechend wertgeschätzt werden.

Esther Schmidt: Welche grundlegenden Überlegungen für ein gutes Leben haben die Freiburger Akteur*innen von Care Revolution als Voraussetzung bisher benannt?

Lina Wiemer: In erster Linie wollen wir, dass Sorgearbeit in den Köpfen aller präsenter wird und dass ein offener Austausch darüber entsteht, was es heißt, ein gutes Leben zu führen. Konkret heißt das auch, Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus zu ermöglichen. Denn im neoliberalen Kapitalismus wird Sorgearbeit meist abgewertet und der Freizeit zugeschlagen und nicht als notwendige Arbeit anerkannt. Gleichzeitig werden staatliche Leistungen gekürzt und der Kostendruck wirkt sich negativ auf unsere Arbeitsbedingungen aus. Wir in Freiburg müssen uns jetzt überlegen, was kommunalpolitisch angepackt werden muss. Die Einrichtung eines Care-Rates ist zum Beispiel eine unserer Forderungen.

Esther Schmidt: Welches Programm ist für die Aktionskonferenz geplant? Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Event?

Lina Wiemer: Auf der Konferenz bieten wir sechs Workshops an. Die Themen umfassen Selbstsorge, Leben und Arbeiten mit Kindern, Medizin und Pflege im Krankenhaus, Recht auf gute Pflege, Soziale Arbeit allgemein und ein Workshop, der sich mit Aktivitäten zur Politisierung von Care beschäftigen wird. Unser Ziel ist, dass die Arbeit nach der Konferenz erst richtig beginnt und sich ein Bündnis formiert, um in Freiburg und darüber hinaus Verbesserungen zu erreichen.

Esther Schmidt: Die Vorbereitungen sind nun fast abgeschlossen. Um was gilt es sich jetzt noch zu kümmern?

Lina Wiemer: Viel diskutiert haben wir über das Thema Barrierefreiheit. Wir sind zwar froh, dass die Konferenz in Räumlichkeiten der Universität Freiburg stattfinden kann, dafür gibt es aber große Einschränkungen in der Barrierefreiheit. Denn viele Räumlichkeiten sind nur zum Teil barrierefrei oder nicht einmal barrierearm. Das gilt leider für viele Teile der universitären Gebäude. Wir haben uns aber ein Konzept überlegt, wie wir Menschen mit Behinderungen an der Konferenz teilhaben lassen können. Wenn ihr euch für die Konferenz anmeldet, geben wir euch eine Telefonnummer unter der ihr uns erreichen könnt und wir begleiten euch dann auf dem Weg ins Gebäude und auch wieder hinaus.

Esther Schmidt: Vielen Dank Frau Wiemer für das Gespräch.

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